Praktikumsbericht Immanuel Kant Krankenhaus Berlin vom 18. April bis 21. April 2016 Kongress Vegmed 22. April bis 24. April 2016

Allgemeines:

Die Ayurveda Ambulanz des Immanuel Krankenhauses in Berlin ist ein Bestandteil der Abteilung für Naturheilkunde der Klinik für Innere Medizin. Sie liegt am Wannsee, etwas ausserhalb der Stadt Berlin und arbeitet mit der Universitätsklinik Charité zusammen.

Sehr sympathisch und wohl auch für viele Patienten angenehm, befinden sich die Räumlichkeiten der Ambulanz in einem Nebengebäude der Klinik.
Hier sind die ayurvedischen Behandlungszimmer gemeinsam mit der chinesischen Medizin und der Forschung für Naturheilkunde untergebracht.

Für den Ayurveda stehen vier Räume zur Verfügung:
ein Spechzimmer für die ärztlichen Konsultationen, ein weiteres für den Heilpraktiker, die anderen beiden Räume sind für die Manualtherapien vorgesehen.
Das Sekretariat und die Küche bzw. Aufenthaltsraum wird gemeinsam mit den anderen Abteilungen genutzt.
Vor allem die Küche ist ein wichtiger Raum der Begegnung, man trifft sich, tauscht sich aus und isst dort auch gelegentlich zusammen.

Das ayurvedische Team setzt sich aus zwei Ärzten, einem Heilpraktiker, einem Yogalehrer und drei Manualtherapeutinnen zusammen. Zudem ist eine Dame verantwortlich für die Administration und Koordination der Sprechstunde.

In dieser Ambulanz bekommen die Patienten ihre Termine meist auf Grund eines Konsiliums oder einer Überweisung des Hausarztes. Es gab auch Patienten, welche sich aus eigenem Antrieb meldeten. Aktuell war gerade ein Artikel über Ayurveda in einer sehr bekannten deutschen Zeitschrift erschienen. Dieser bewog Patienten sich über diese Gesundheitsform und das Lebenskonzept zu informieren, darum eine Konsultation wünschten.

Die Kostenübernahme der Krankenkassen besteht leider meist nur für die ärztliche Konsulation und dies auch nur einmal pro Quartal.
Manualtherapien, Ernährungsberatung als auch Yogaprivatlektionen müssen selbst bezahlt werden, dies stellt für viele Patienten eine grosse Schwierigkeit dar.

Persönliches:

Mein Praktikum bestand in einer spannenden Reise durch die einzelnen Teilgebiete des Ayurveda in einem Klinikambulatorium.

Nebst der konsiliarischen Tätigkeit für stationäre Klinikpatienten, Ernährungsberatung oder Manualtherapie, bei welcher der Patient direkt an die entsprechende Fachperson überwiesen wird, gibt es den klassischen Ablauf. Hier kommt der Patient zuerst zur ärztlichen Vorbesprechung.
In einem Gespräch von ungefähr 60 Minuten wird nach Erfassen der Problematik und der Rahmenbedingungen ein Behandlungskonzept zusammengestellt. Oftmals wird der behandelnde Arzt in seiner Therapiestrategie massiv eingeschränkt, da es vielen Patienten unmöglich ist, die für ihn idealen Therapien zu bezahlen.

Einige der Patienten, zwar finanziell limitiert, jedoch hochmotiviert in ihrem Leben endlich etwas zu ändern, strandeten an den Kosten für Phytotherapeutika oder anderen ayurvedischen Therapien. Mit Kreativität, sehr gut gestalteten Informationsblättern und Aufklärung gelang es, diesen Patienten ein gutes Konzept zu geben, sodass jeder Möglichkeiten erkannte, seinem Ziel, einer verbesserten Gesundheit, näher zu kommen. So war der Beginn und die Basis der Therapie bei den Patienten, die ich gesehen hatte, meist eine ausführliche Ernährungsberatung bei Elmar Stapelfeld.

Diese besteht aus zwei Abläufen:
– zum Einen in einer konsiliarischen Sitzung, ca. 30 min Dauer für die hospitalisierten Patienten der Klinik (welche bekannt ist für stationäre Fastenkuren).
– die andere, für die ambulanten Patienten (meist Selbstzahler) gab es eine Beratung von ca. einer Stunde. Nach einer kurzen Bestandesaufnahme über Essgewohnheiten und gesundheitlichen Probleme wurden umsetzbare Vorschläge gemeinsam ausgearbeitet.
Der Schwerpunkt wurde jeweils auf die Praktikabilität gelegt und die Vorschläge waren auffallend pragmatisch. Ziel war es, in kurzer Zeit ein Optimum an Veränderungen zu definieren, welche die Betroffenen auch mit Freude umsetzen konnten und auch umsetzen würden.
Mir hat dieser praktische Ansatz äusserst gut gefallen, wird doch gerade in der Ernährung überall soviel propagiert, viele Menschen verlieren einfach den Mut etwas zu verändern und dann auch mittelfristig eine Besserung zu erfahren.

So war dies eine spannende Erfahrung und wenn es gelänge, nur 80% der ayurvedischen Ernährungsregeln bei einem durchschnittlichen deutschen Bürger umzugesetzen, wäre das wunderbar, denn so hätte er schon einen grossen Schritt in Richtung seiner eigenen Gesundheit getan.

In der Yoga-Ambulanz, einmal pro Woche (verantwortlich Alexander Peters, Yogatherapuet), werden sowohl Einzelstunden als auch Gruppenlektionen für die stationären Klinik-Patienten angeboten.
Zudem gibt es einmal pro Woche für die Mitarbeiter der Klinik um die Mittagszeit eine Yogalektion, welche auch gut frequentiert wurde. Gegen Abend gab es jeweils noch eine Gruppenstunde für ambulante externe Patienten.
Der gemeinsame Schwerpunkt dieser Lektionen war eine intensive Atemtherapie. Pranayama in den verschiedensten Formen wurde geübt, was für die stationären, gesundheitlich oft stark eingeschränkten Patienten ein grosse Erlebnis war. Die meisten verliessen den Yogaraum mit leuchtenden Augen und einem Lächeln.
Zu häufig verlernen chronische Schmerzpatienten vor lauter Anspannung das tiefe Durchatmen.
Zudem ist die Yogapraxis bei Patienten mit stark eingeschränkten Funktionenen des Bewegungsapparates eine grosse Herausforderung. Es braucht ein gutes Einfühlungsvermögen und Improvisationstalent des Yogatherapeuten Alexander Peters. Die Menschen, die die Bewegung des Körpers nur noch schmerzhaft erfahren, sollten wieder in eine Dynamik gebracht werden und die Stagnationen sollten sich lösen. Sobald die Energien erneut und besser fliessen, kommt schnell mehr Motivation und auch Lebensfreude.

Diejenigen Patienten, welche sich eine Manualtherapie leisten können, erhalten diese Behandlungen in den zwei wunderschön eingerichtenten Räumen.
Hier kommt die gesamte Palette der ayurvedischen Manualtherapie zur Anwendung: Katibastis, Abhyangha, Stempelmassage, klassische Abhyanga, Stirngüsse, Lepas und Guggulu- Auflagen.
Hier ergänzten sich die drei Therapeutinnen wunderbar, halfen einander aus und bereiteten sich gegenseitig die Anwendungen vor (Teigringe, Kräuterstempel etc.).

Frau Grit Bartsch, Manualtherapeutin, ist verantwortlich für die Blutegel. Diese kommen jeweils Mitte der Woche per Post. Sie werden zuerst zum Ausruhen in den Kühlschrank gegeben. Nach einem Tag werden sie in handwarmem Wasser gebadet, ihre Vitalität wird beobachtet und ihre Gesundheit überprüft
(vereinzelt beissen sie sich auf dem Transport und sind dann verletzt). Danach werden sie nochmals zum Ausruhen in den Kühlschrank gegeben und so sind sie dann richtig hungrig.

Einmal pro Woche erfolgt dann jeweils die Therapie der meist ambulanten Patienten. Die Egel werden an schmerzende Knie-, Schulter und anderen Gelenke angesetzt. Gerade im Bereich des Bewegungsapparates werden hervorragende Ergebnisse erzielt, auch ein massiver Rückgang des Schmerzmittelkonsumes nach nur einer Egelsitzung wurde berichtet.
Oftmals haben die Patienten für ein Jahr Beschwerdefreiheit oder erfahren zumindest eine massive Verbesserung. Sobald die Schmerzen wieder stärker werden und der Schmerzmittelverbrauch zunimmt, melden sich die meisten erneut zur Egeltherapie.

Nach Gebrauch werden diese wieder zurückgeschickt und kommen dann in einsogenanntes Egelaltersheim, da diese aus hygienischen Gründen nur einmal verwendet werden dürfen.

Vegmed Kongress:

Anschliessend an meinen Klinikaufenthalt besuchte ich während dreier Tage den Vegmed Kongress, organisiert von den Verantwortlichen der Naturheilkunde der Immanuel Kant Klinik.

Zum einen wurden am Kongress zwei bedeutende Studien vorgestellt (Health Study II, von Prof. Gary Fraser USA und die EPIC-Oxford Studie von Prof. Timothy Key, UK).
Zum anderen gab es zahlreiche Daten und spannende Präsentationen über den Zusammenhang von pflanzlicher Ernährung und Erkrankungen wie Alzheimer oder Krebs. Ein wichtiger Teil widmete sich der Prophylaxe. So gab es auch Referate zu vorbeugenden Möglichkeiten in der Ernährungstherapie.
Abgerundet wurden diese Themen durch Dr. Ram Manohar aus Indien, welcher all diese neuen Daten und Errungenschaften mit einer gelungenen Präsentation der Erkenntnisse aus der Charaka Samhita in den Schatten stellte.

Ich möchte aber gerne auf die beiden grossen Studien eingehen:

1. Ergebnisse der Adventist Health Study II von Prof. Dr. Gary Fraser:

Hier wurde über den Zeitraum von 2002-2007 96’000 amerikanische und kanadische Adventisten untersucht. Bei den Adventisten handelt es sich um eine protestantische Glaubensgemeinschaft. In etwa die Hälfte der Teilnehmer waren Vegetarier (davon 8% vegan, 30% lacto-ovo- und 10% pesco-vegetarier). Die nicht Vegetarier hatten einen moderaten Fleischkonsum bis zu maximal 5 mal pro Woche.

Da bekannt war, dass Adventisten eine höhere Lebenserwartung, eine tiefere Mortalität und eine tiefere Krebsinzidenz hatten, war es eine interessante Möglichkeit, diese Zahlen innerhalb der Gruppe zu vergleichen, da der Lifestyle ähnlich war, bis auf die Essgewohnheiten.
Die Vegetarier der Gruppe besassen ein tieferes Risiko für Erkrankungen, sei es Herz- Kreislaufprobleme oder gewisse Krebserkrankungen. Einer der Hauptgründe war, dass sie wesentlich seltener Uebergewicht hatten PuTTY , zudem tiefere Werte der Blutfette aufwiesen, ebenso des C- reaktiven Proteins, eine bessere Insulin/ Blutzuckerbalance, sowie weniger Bluthochdruck aufwiesen.

Prof. Fraser wies aber darauf hin, dass eine vegetarische Diät ein weites Feld der Nahrungsmittelauswahl beinhalte. Darum ist das Risikoprofil auch innerhalb der Vegetarier kein Einheitliches. Dies erklärt im Wesentlichen die unterschiedlichen Resultate, welche in verschiedenen Ländern erhoben werden.

2. Gesundheit von Vegetariern: Erkenntnisse aus der EPIC-Oxford Studie von Prof. Timothy Key:

Hier handelt es sich um eine Kohortenstudie von 65 500 Teilnehmern (14’500 Männer und 51’000 Frauen, rekrutiert in UK in den Jahren 1993 bis 2000). Die Zahl teilte sich auf in 24’000 Fleischkonsumenten, 10’000 Fisch-Vegetarier, 19’000 Lactovegetarier und 2500 Veganer.
Die Teilnehmer wurden mittels eines Frageboges über 20 Jahre erfasst. Die Untersuchungen hielten fest, dass Vegetarier einen tieferen Body Mass Index hatten, tiefere Blutfette aufwiesen, aber auch tiefere Vitamin B 12 Konzentrationen, tiefere Vitamin D Werte und langkettige Omega 3 Fettsäuren. Die Follow up Analysen zeigten eine 32% tiefere Inzidenz von Herz Kreislauferkrankungen bei den Vegetarieren. Die Krebsinzidenz ist hingegen nur leicht erniedrigt bei den Vegetarieren, am ehesten der Magenkrebs, oder Krebsarten des roten oder weissen Blutbildes.
Zudem besitzen Vegetarier ein tieferes Risiko für Diverticulose als auch für Katarakt.

Hauptaussage von Prof. Key war, dass Vegetarier langzeitlich gesehen weniger gesundheitliche Risiken haben, aber es brauche noch zahlreiche Untersuchungen, vor allem braucht es Langzeitdaten über die Gesundheit von Veganern.

Nachzulesen ist das gesamte Programm, als auch die Abstracts der Referenten der Vegmed 2016 auf der homepage: www.vegmed.de

Zusammenfassung und Erkenntnisse:

Gesamthaft war ich äusserst positiv überrascht über mein erstes Praktikum. Das ganze Team war sehr offen und hilfsbereit. Ich konnte jederzeit meine Fragen stellen und es herrschte ein ehrliches und entspanntes Klima. Dies wussten auch die Patienten sehr zu schätzen, sie wurden ernst genommen in ihren Fragen und Anliegen.

Gleichzeitig erlebte ich, dass in Deutschland auf Grund der anderen Versicherungsmodelle viel mehr Kompromisse gemacht werden müssen, als ich es in
meiner Sprechstunde in der Schweiz mache. Ein Grossteil meiner Patienten besitzt eine alternative Zusatzversicherung, welche ayurvedische Therapiekonzepte übernimmt.
Schade ist auch, dass es den ayurvedischen Ärzten in Deutschland nicht möglich ist, stationäre Reinigungskuren anzubieten. Die Klinik weigerte sich bisher dem Team vereinzelt stationäre Betten auf der Abteilung zur Verfügung zu stellen. Somit fällt ein grosser und wichtiger Teil der ayurvedischen Reinigungsverfahren weg.
Es ist zwar möglich, die Patienten in einem Nebengebäude unterzubringen, aber die Zimmer befinden sich im Halbkeller praktisch ohne Tageslicht und sind sehr trostlos.

Alternativ und kreativ gab es dafür Vorschläge, wie zum Beispiel die Anschaffung einer Faltsauna (Kostenpunkt ca 120 Euro) um Svedana regelmässig zu Hause zu praktizieren oder die Möglichkeit der sanften Virecana mit Triphala-Churna oder Haritakichurna.

Dies frei nach Dr. Gupta:’ wenn man das Beste nicht kriegen kann, soll man das zweitbeste nehmen- und wenig ist besser als gar nichts…..’

Für mich war es auf alle Fälle ein sehr spannendes Praktikum, da es auch meinen eigenen Therapiekonzepten sehr ähnlich war. Es war interessant zu spüren, was machbar ist und was weniger, was von Patienten umgesetzt wird und was in der nächsten Minute schon vergessen sein wird.

Ausserdem überzeugten mich die Fakten und Analysen des Kongresses enorm. Es war eine grosse Fülle vieler Daten über einen langen Zeitraum sorgfältig zusammengetragen- ich hätte es nie geschafft, all diese durchzulesen und zu analysieren.
Die Diskussionen waren spannend und aufschlussreich in einer friedlichen, entspannten Atmosphäre. Auch war das Publikum sehr jung und mortiviert, diese Erkenntnisse irgendwie umzusetzen.