Dr. med. Bettina Keller-Werner, TCM am Lindberg, Winterthur
Immer zahlreicher, ausführlicher und detaillierter erscheinen Studien, welche von Rhodiola (auch Rosenwurz genannt) handeln.
Aber schon seit Jahrhunderten wird diese Wurzel als traditionelles Arzneimittel und auch Genussmittel verwendet. Die Wikinger nutzten die ergotropen Eigenschaften der Pflanze und noch heute wird in sibirischen Bergdörfern dem Brautpaar ein Bouquet aus Rosenwurz geschenkt, damit der Kindersegen gross werde und deren Gesundheit robust.
Da der naturwissenschaftliche Geist die Analytik benötigt, droht aber leider die Gefahr den Bezug zum Ganzen zu verlieren. Schon Fulcanelli (französischer Alchimist aus dem frühen 20.Jahrhundert) meinte:
Sie geben den Chemikern Wein und bekommen Tannin, Alkohol und Wasser zu gleichen Teilen zurück. Was fehlt? Der Geschmack, das heisst gerade das, was den Wein ausmacht, also Alles! – Da sie die drei Substanzen aus dem Wein herausgeholt haben, meine Herren Chemiker, sagen Sie: ’Der Wein besteht aus diesen drei Substanzen.’ Machen Sie Wein daraus, oder ich sage Ihnen: ’es sind drei Substanzen, die sie aus Wein erhalten haben, mehr nicht.’
Daher ist es mir ein Anliegen, als Ärztin der Traditionellen Chinesischen Medizin über die Wurzel als Ganzes zu sprechen und anschliessend einige Ergebnisse aus Laboruntersuchungen zu erwähnen.
Der menschliche Körper ist ein komplexes Gebilde, eine rein mechanistische Sicht ist keinesfalls adäquat, ebenso wie bei der Entstehung von Krankheiten und auch deren Heilung. Viele der pharmazeutischen Produkte, die aus reinen, isolierten Substanzen bestehen, haben sich auf lange Sicht als schädlich erwiesen, selbst dann, wenn man sie aus Pflanzen extrahiert hat.
Zum Verständnis ist zu beachten, dass der alleinige Begriff Rhodiola nur der Name der Pflanzenfamilie ist, es aber zahlreiche Untergruppen gibt mit auch unterschiedlichen Inhaltsstoffen.
Die meisten Studien wurden an Rhodiola rosea gemacht, welche auch in unseren Bergen heimisch ist. Diese Art wurde toxikologisch als sicher für Mensch und Tier befunden. Im Folgenden liegt der Schwerpunkt auf dieser Art, obwohl in der chinesischen Pharmakopoe die Rhodiola crenulatae aufgenommen wurde.
Welche Charakteristika machen diese Pflanze so interessant für uns?
Durch die Erhöhung von Kraft, Widerstand und Ausdauer verdient sie die Bezeichnung eines Adaptogenes. Eine der wichtigsten Eigenschaften ist der Schutz der Zellen vor dem Angriff von freien Radikalen, ebenso wie zum Beispiel Vitamin C. Diese Radikale entstehen bei biologischen Prozessen (gehäuft aber durch Stress, Alkohol, Tabak und vielem Anderen) Sie können Zellschäden hervorrufen, welche zur Entstehung von Krebserkrankungen beitragen. Auch für das Auftreten von Arteriosklerose, Alzheimer und Lungenemphysem werden die freien Radikale verantwortlich gemacht.
Gerade dank dem präventiven Charakter von Rhodiola, dank verbesserten Energien den Stress leichter bewältigen zu können und der direkten zellulären Wirkung ist diese Pflanze in doppelter Hinsicht interessant.
Hier eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten erforschten Eigenschaften:
- verbessert die mentale und körperliche Kraft (früher von russischen Athleten gebraucht um die Energie zu steigern)
- schützt das Herz, normalisiert den Herzrhythmus rasch nach körperlicher Anstrengung
- Verbessert Nervens ystem und mentale Funktionen, z. B. das Gedächtnis
- Verbessert die Blutzufuhr zu Muskeln und Gehirn und steigert den Stoffwechsel
- Zeigt Krebszellen bekämpfende und antidepressive Wirkungen
- Müdigkeit während des Tages und allgemeine Müdigkeit oder Lustlosigkeit verschwinden
- Stimuliert das Immunsystem (verbessert die Aktivität der Killerzellen) verbessert T-Zellimmunität
- Stärkt die Körperwiderstandskraft gegenüber Toxinen
- Positive Wirkung bei stressinduzierten Hautkrankheiten wie Neurodermitis oder Psoriasis
- Verbessert diabetische Stoffwechsellage
Detaillierte Information zu einzelnen Themen findet sich in der Literaturliste.
Es sind mittlerweile schon zahlreiche Rhodiola rosea Präparate auf dem Markt.
Kürzlich (Ende Mai 2010) wurde von Swissmedic das Produkt Vitango der Firma Schwabezugelassen, welches ab 2011 in den Apotheken erhältlich sein wird.
Zurückkommend auf das Zitat von Fulcanelli, möchte ich aber auf drei weitere Darreichungsformen hinweisen:
- Zum Einen die Einnahme als Tee, dessen lieblicher Rosenduft Nase und Gaumen des Geniessers erfreuen. Dazu kann man 2 bis 4 Gramm Rosenwurz in einer Thermoskanne überbrühen, über Nacht ziehen lassen und am nächsten Tag verteilt bis ca. 15.00 Uhr trinken. Spätere Einnahme empfiehlt sich nicht, da es dann abends zu Einschlafstörungen kommen kann. Ebenso kann 1 Teelöffel Rhodiola mit 2 bis 3 dl Wasser kurz aufgekocht werden. Je höher die Konzentration ist, (d.h. viel Wurzeln oder lange auskochen) desto bitterer wird der Tee. Diese Bitterkeit verhindert auch eine toxische Konzentration, da der Magen sich weigert mehr aufzunehmen.
- Eine andere Variante stellt der Heilschnaps dar. Dazu kann man ca. 15 bis 20 Gramm Wurzeln in eine Flasche Wodka oder ähnlichem geben, diese dann ca. 2 Wochen stehen lassen (Zimmertemperatur und ohne Sonnenlicht), bis sich die Flüssigkeit dunkelrot gefärbt hat. Morgens kann man dann jeweils 1 Esslöffel mit etwas Wasser verdünnt einnehmen.
- Des weiteren gibt es die Einnahme als Bestandteil einer chinesischen Rezeptur, als Granulat oder Rohdroge. Da diese Rezeptur auf dem Symptomenkomplex des jeweiligen Patienten ausgerichtet ist, benötigt man dazu aber das Fachwissen eines TCM Spezialisten.
Bei diesen drei Darreichungsformen werden sämtliche Inhaltsstoffe der Pflanze genossen. Bei Tabletten und Tinkturen handelt es sich um Extrakte, vor allem von Rosavin. Aber auch andere Inhaltsstoffe, z.B. Salidrosid haben wichtige Wirkungen, wie aus einzelnen Studien hervorgeht.
Ob all dieser positiven Eigenschaften darf man jedoch folgendes nicht vergessen:
Rhodiola ist zwar ein Adaptogen, aber im übertragenen Sinn gesehen ist es wie eine Kreditaufnahme bei der Bank. Zum Stressmanagement geeignet, muss es aber für den Körper und die Seele wieder Erholung und veränderte Strategien geben, denn sonst kommt es genauso wie ohne Rhodiola irgendwann zum gesundheitlichen Kollaps, weil mehr Energie ausgegeben als eingenommen wurde.
Weitere Informationen zu Rhodiola finden Sie hier.